Elisabeth Schönherr Schreibt. Liest. Oft unterwegs. Am liebsten daheim.
Schreibt. Liest. Oft unterwegs. Am liebsten daheim.

Ach, Veronika, du kluge Kuh

Foto: Antonio J. Osuna Mascaró
Foto: Antonio J. Osuna Mascaró

Es war einmal eine Kuh namens Veronika. Die lebte im Kärntner Gailtal und brachte es zu beträchtlichem Ansehen und einiger Berühmtheit, weil sie nicht so dumm war, wie die Leute über sie und ihresgleichen behaupteten. Wenn es sie juckte, nahm Veronika nämlich einen Besen, um sich zu kratzen: den Stiel fürs empfindliche Euter, die Borsten für die dickere Haut am Rücken. Damit machte sie aus einem einfachen Besen ein ebenso smartes wie praktisches Multifunktionswerkzeug, ein gewieftes Verhalten, wie es Wissenschafter im Tierreich sonst nur bei Schimpansen beobachtet haben wollen.

Die Sprache bestimmt in hohem Maße, wie wir die Welt und ihre Bewohner wahrnehmen. Dumme Kuh, schimpfen wir, wenn wir jemanden nicht mögen, dabei haben die Kühe, deren Milch viele von uns nährt, all unseren Respekt und unser Mitgefühl verdient.

Veronika hatte den Gebrauch des Besens übrigens nicht von ihrer Mutter gelernt, wie ihre Halter beteuern, vielmehr habe sie selbst im Alter von vier Jahren damit begonnen, den Besen als Kratzinstrument zu verwenden. Während anderthalb Milliarden Rinder weltweit im Kreislauf von Zucht, Mast und Schlachthof gefangen sind, ist Veronika mittlerweile dreizehn Jahre, ein stattliches Alter in einer Welt, wo Milchkühe mit maximal fünf bis sechs Jahren geschlachtet werden.

Wir kaufen Eutersekrete in Tetrapaks, schütten sie achtlos in den Kaffee und machen uns höchstens über dessen Fettgehalt Gedanken. Im Supermarkt greifen wir nach zerlegten, in Plastik eingeschweißten Kuhteilen. Und dann kratzt sich ein Tier mit einem Besenstiel am Euter, und wir sind verwirrt. Intelligent, diese Kuh. Erfinderisch sogar.

Haustier versus Nutztier

Fakt ist: Kühe oder Schweine sind nicht weniger intelligent als Katzen oder Hunde. Warum aber behandeln wir sie dann anders? Der Mensch – laut Biologie das intelligenteste, aber auch gefährlichste Tier – verhätschelt die einen und beutet die anderen gnadenlos aus. Man stelle sich vor, wir würden mit Kühen und Schweinen leben und Katzen und Hunde töten und essen, wie es in Teilen Asiens übrigens geschieht.

Kühe sind keine Tankstelle. Sie geben nur Milch, wenn sie geboren haben. Um die Kuh zu melken, muss sie vom Kalb getrennt werden. Jungstiere werden meist bald nach der Geburt getötet. Kälber landen auf Viehmärkten zu Billigpreisen, werden auf wochen- oder monatelangen Lkw- und Schiffsreisen in ferne Länder verfrachtet. Grausamkeiten, versteckt hinter Werbeflächen mit heimeligen Kannen, lilafarbenem Stanniolpapier und Bildern von satten Weiden, auf denen friedliches Braunvieh grast.

Veronika ist mit Sicherheit kein Einstein unter ihren Artgenossen, wie mancherorts gemutmaßt wird. Sie ist einfach eine Kuh, die mehr Glück als andere hatte, und das sagt mehr über uns als über sie.