Von dem Etwas-Werden

Einst hatte die Mutter der Tochter erzählt, sie habe an ihrem ersten Schultag weinend vor der Haustür gestanden und sich geweigert, zum Schulbus zu gehen.

„Dann bleibst du eben zu Hause“, habe die Mutter nach vergeblichem Zureden gesagt.

„Aber aus mir muss doch etwas werden“, habe die Tochter daraufhin gerufen.

Jahre später las Helene folgende Zeilen und erinnerte sich an die Erzählung der Mutter.

„Wer also liebt, der muss versuchen, sich zu benehmen, als ob er eine große Arbeit hätte: Er muss viel allein sein und in sich gehen und sich zusammenfassen und sich festhalten; er muss arbeiten; er muss etwas werden!“

Es waren Gedanken von Rainer Maria Rilke. Sie tippte die Zeilen ab, druckte sie aus, klebte sie an die Schlafzimmertür.

Später …

Helene verlor die Scheu vor der Fremde und soweit es ihre finanzielle Situation erlaubte, reiste sie. Mit schweren Koffern fuhr sie fort. Mit noch schwereren Taschen kam sie wieder. Sie liebte das Weggehen und Heimkehren, auch wenn es müde machte.

Sie las von fremden Küsten und fuhr an den Atlantik. Zu den Kreidefelsen von Dieppe und Étretat. Ebbe. Fischer ziehen Boote über den Kieselstrand. Möwen picken nach den Meeresfrüchten zwischen den Steinen und dem Sand.

Flut. Wellen stürzen ans Ufer. Die Möwen kreischen über dem schäumenden Wasser. Es riecht nach Seetang, Muscheln, Schnecken, Salz. Das Meer frisst sich in die Brandungshohlkehlen der Felsen.

Oberhalb der Klippen mietete Helene ein Gartenhaus. Das Haus lag inmitten eines Walds. Nachts tobte der Sturm um das Giebeldach. Eichen ächzten. Sie lag im Bett, lauschte dem Wind, stand auf, schob die Rollos zur Seite, blickte in die Nacht hinaus und betrachtete den Mond zwischen den Wolken. Für einen Augenblick war er ganz hell und nah.

Am Morgen trank sie auf den Stufen zum Garten Kaffee. Rechts von ihr blühten Heckenrosen und auf der Weide dahinter grasten Pferde.

Nach elf Tagen musste sie wieder fort. Als sie am Morgen der Abreise in der Dämmerung die Küstenstraße entlangfuhr, dachte sie, dass sie hier vielleicht etwas werden könnte.

Nach der Rückkehr lud Helene die Fotos der Reise auf den Laptop. Ein Bild zeigte eine steinerne Kirche über zerklüfteten Klippen. Sie druckte das Foto aus und klebte es neben die Zeilen von Rainer Maria Rilke an die Schlafzimmertür.

Aus: Von fremden Küsten (Foto: Les Falaises, Haute Normandie)

Schönherr Elisabeth

Schreibt. Liest. Oft unterwegs. Am liebsten daheim.

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