Schreiben unterwegs

Vor einiger Zeit stieg ich in eine volle Tram. Es war Rushhour. Auf dem Sitz neben der Tür saß ein Mittdreißiger. Auf seinen Oberschenkeln lag ein Tablet samt Keyboard und seine Finger glitten mit atemberaubender Geschwindigkeit über die Tasten. Eine Textkolonne wälzte sich über den Bildschirm. Eine Weile sah ich ihm fasziniert zu, dann wagte ich es, ihn zu fragen, ob er an einem Roman schreibe. Er reagierte nicht, da fragte ich ihn ein zweites Mal. Endlich sah er auf und nickte, dann schrieb er weiter.

Natürlich hätte ich mich gern mit ihm unterhalten, aber er ließ sich nicht weiter stören, und das war auch gut so. Die Begegnung faszinierte mich deshalb so, weil sie mir eines meiner Lebensthemen vor Augen führte und mich zugleich daran erinnerte, dass ich damit nicht alleine bin. Zeit zum Schreiben zu finden, in einer Welt voller Verpflichtungen und Ablenkungen: ein Dilemma. Der Wunsch, dem Schreiben mehr Zeit zu widmen, bestimmt mein Leben seit beinahe zwei Jahrzehnten.

Schreiben fordert nicht nur viel Zeit, sondern auch Kraft. Für mich fühlt sich das Schreiben eines Romans so an, als läge ein feuchter Tonklumpen in meinen Händen und eine Stimme sagt: „Jetzt forme eine Welt daraus.“

Entwürfe zu Papier zu bringen, um sie dann wieder zu verwerfen, ist mühsam. Mich während des Tages gedanklich immer wieder mit der Geschichte zu beschäftigen, hilft mir dabei. 

Wenn ich nicht zu müde bin, schreibe ich früh morgens eine Stunde und dann am Nachmittag oder Abend nochmals zwei bis drei Stunden. Da ich mit der U-Bahn und Straßenbahn in die Arbeit fahre und täglich fast zwei Stunden unterwegs bin, habe ich diese Zeit in den Öffis als zusätzliche Schreibzeit für mich entdeckt.

Dabei nutze ich die Notizen-App auf meinem iPhone. Der große Vorteil dabei ist, dass ich die Notizen auch auf meinem Mac abrufen und später in mein Manuskript einfügen kann.

Ich schreibe meine Manuskripte mit der Software Papyrus, weil ich das integrierte Synonym- und Antonym-Wörterbuch schätze. Es bereitet mir Freude, Wörter zu entdecken und so den Reichtum der Sprache auszuschöpfen.

Manchmal schreibe ich meine Entwürfe auch mit der Hand in ein Notizbuch. Zu Hause habe ich ein großes Notizbuch in A 4 Format, unterwegs ein kleineres. 

Der große Vorteil der Arbeit auf dem iPhone ist aber, dass ich die letzten Seiten meines Manuskriptes in die Notizen-App kopieren und diese dann unterwegs immer wieder lesen kann, um gedanklich daran anzuknüpfen.

Im Gegensatz zum Schriftsteller, von dem ich eingangs erzählt habe, ziehe ich damit auch keine neugierigen Blicke auf mich. Die meisten Menschen beschäftigen sich in der Straßenbahn mit ihren Mobiltelefonen. Niemand kommt auf die Idee, dass ich dabei an einem Roman arbeite und deshalb stört mich auch niemand dabei.

Nicht zuletzt habe ich dadurch eine neue Art zu schreiben entdeckt, denn die Notizen-App fördert einen spielerischen Zugang zum Schreiben. Man schreibt Texte, löscht sie wieder und beginnt von Neuem. Das Scheitern und der Neubeginn gehören zum Schreiben wie auch zum Leben dazu.

Schönherr Elisabeth

Schreibt. Liest. Oft unterwegs. Am liebsten daheim.

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